Musik als Meditation

Der Kammerchor Cantus Solis mit Werken von Frank Martin, Olivier Messiaen und Arvo Pärt in St. Bernhard

Der Kammerchor Cantus Solis unter der Leitung von Elias Hostalrich Liopis in der Kirche St. Bernhard in Karlsruhe. (Foto: Gehringer)

Stille und Kontemplation zur Fastenzeit: Der Karlsruher Kammerchor Cantus Solis, benannt nach dem Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, war in der Kirche St. Bernhard mit Werken von Frank Martin, Arvo Pärt und Olivier Messiaen zu hören.

Selten erlebt man die Messe für zwei vierstimmige Chöre von Frank Martin (1890-1974) im Konzert. Dabei müsste man diese Musik eigentlich viel öfter aufführen – denn wer auch nur die ersten Takte des „Kyrie“ hört, der ist sofort gepackt von einem Gesang, der sich leise aus der Altstimme heraus entwickelt und sich nach und nach spannungsvoll verdichtet.

Als eine „Angelegenheit zwischen Gott und mir“ bezeichnete der Schweizer Komponist, der übrigens geprägt war durch ein calvinistisches Elternhaus, dieses Werk. Seine Motivation, ausgerechnet ein katholisches Messordinarium zu vertonen, ist indessen nicht bekannt.

Ursprünglich war die Messe, entstanden zwischen 1922 und 1926, auch gar nicht zur Aufführung gedacht: Erstens, weil Frank Martin ohnehin keinen Chordirigenten kannte, der daran Interesse gehabt hätte, und zweitens, weil er fürchtete, dass man das Werk nur unter rein ästhetischen Gesichtspunkten beurteilen würde. Vier Jahrzehnte blieb die Messe ungehört – bis der Hamburger Dirigent Franz Brunnert darauf aufmerksam wurde. 1962 wurde sie schließlich durch seinen Chor, die Bugenhagen-Kantorei, uraufgeführt.

Frank Martins Vertonung orientiert sich am gesprochenen Wort; er arbeitet mit Stilmitteln wie etwa der Imitation, greift auf alte Kirchenmodi zurück und verbindet diese mit der Harmonik seiner Zeit. Beeinflusst ist seine Musik unter anderem von Ravel oder Débussy.

Die Messe wirkt feierlich, sakral, hat dabei aber – buchstäblich – einen direkten, sprechenden Charakter, und genau diese Expressivität bringt der Kammerchor Cantus Solis unter der ruhigen Führung seines Dirigenten Elias Hostalrich Llopis zur Geltung: Kaum hörbar, im schwebenden Klang, bauen sich die Stimmen des „Kyrie auf“, steigern sich zum Ausbruch, zum eindringlichen Ruf nach Erbarmen, der gegen Ende schließlich verebbt.

Das „Gloria“ beginnt luftig, und dabei schaffen die gehaltenen Noten den Eindruck von ineinanderfließenden Harmonien. Die Chorstimmen sind diszipliniert geführt; gegen Ende tut sich vor allem der wendige Frauenchor mit seinen Koloraturen hervor. Einzelne klangliche Unebenheiten fallen indessen kaum ins Gewicht.

Im „Credo“ hört man förmlich die Kreuzigung („Crucifixus“) und die Grablegung bis hin zur völligen Stille – bis dann mit fein ziselierten Stimmen plötzlich der Osterjubel durchbricht. Eine fast geheimnisvolle Atmosphäre verströmen die Klangfarben des „Sanctus“, durchbrochen vom klaren Gesang der Frauenstimmen – bis hin zur großen Steigerung. Die Rhythmen, die fließenden Textzeilen sorgen für eine immerwährende Dynamik, und beim „Agnus Dei“ mit seinen oszillierenden Harmonien nimmt Cantus Solis die Hörer dann endgültig hinein in die Geheimnisse der Erlösung, der Auferstehung.

Im Kontrast dazu steht Arvo Pärts „Missa syllabica“, die vollends dem Sprechakt untergeordnet ist: Es sind Worte wie Pendelbewegungen, immer wieder unterbrochen durch abrupte Pausen und wechselseitig geäußert in einer Art Dialog. Die minimalistischen Muster wirken dabei wie eine Gebetsmeditation, sie schaffen den Eindruck von Ewigkeit. Mit dem Klang der Stimmen verbindet sich die Orgel (der Chor steht hier auf der Empore); es ist die so genannte „Tintinnabuli“-Stimme - benannt nach der lateinischen Bezeichnung für „Glocke“.

Zwischen diesen beiden Messvertonungen sorgt „O sacrum convivium!“ von Olivier Messiaen für den eigentlichen kontemplativen Ruhepunkt: Mit seinen Reizklängen und seiner Innenspannung führt es heran an das Mysterium der Eucharistie.

In seinen Orgelimprovisationen greift Kantor Lucas Bastian den Charakter dieser Werke auf; er gibt im Anschluss an die jeweiligen Gesänge sozusagen die Gelegenheit zur tieferen Betrachtung. An das schwebend verklingende "Dona nobis pacem" („Agnus Dei“) bei Frank Martin schließt sich bruchlos ein Orgelklang wie ein zarter Lichtschimmer. Und nach „O sacrum convivium!“ glaubt man zunächst, die für Messiaen so typischen Vogelrufe herauszuhören – bis sich daraus allmählich Motive und rhythmische Muster, schließlich wuchtige Klänge entwickeln.

Langer, herzlicher Applaus für ein seltenes Programm und eine gelungene Darbietung.

Christine Gehringer

[Pamina Magazin, 17.03.2025; Veröffentlichung mit Einverständnis der Autorin]

Wunderschöner Irrgarten

Cantus Solis bestätigt in Paul-Gerhard-Kirche seinen Ruf als herausragender Chor

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen“ – die Verse aus Heinrich Heines „Dichterliebe“, als Klavierliederzyklus von Robert Schumann vertont und von Clytus Gottwald für gemischten Chor a cappella gesetzt, eröffneten das Konzert von Cantus Solis in der Paul-Gerhardt-Kirche. Dass vor der Tür ein Oktobertag mit zum Text passender Maientemperatur lag, war ein Zufall. Wie gut der Chor klang, war keiner. Seit 1995 darf er sich „Meisterchor“ nennen. Seit 2001 liegt sein Dirigat in den Händen von Anja Daecke-Mumm.
Warum er einer der herausragenden Chöre in Karlsruhes Chorlandschaft ist, das konnte man hören. Zum Beispiel in der „Sestina“ des italienischen Meisters Claudio Monteverdi. Die fünfstimmige Madrigalsammlung beschreibt den Tod der Sängerin Caterina Martinelli. Der emotional gespannte Text erfährt eine direkte musikalische Ausdeutung, die ganz auf polyphone Motorik verzichtet, den Affekt aber mit den Mitteln von Dynamik und Harmonik differenziert ausdrückt. Daecke-Mumm hält ihren Chor sicher entlang der Spannungskurve des Gefühls. Das Ergebnis ist eine zu Herzen gehende Musik, die auch begreifbar ist, ohne den Text zu verstehen.
Der Bittersüße der Sestina waren die von Christiane Dickel und Melania Inés Kluge vierhändig zupackend interpretierten „Slawischen Tänze“ – jeweils der zweite aus den Opera 72 und 46 – von Antonin Dvorak eine heitere Auflockerung. Passend zu den drei Chorliedern aus Jean Sibelius’ 1893 entstandenem Zyklus „Rakastava“ (Der Liebende). Hier ist die Liebe nicht schmerzlich, sondern in Naturmetaphern gefasste Erotik. Und sie ist sehr rhythmisch: Der Chor springt formlich durch die oft alliterierenden Verse. Rhythmisch zurückgenommener zeigt sich zunächst der Engländer Gustav Holst. Die beiden Volkslieder „I Love My Love“ und „Youth Is Pleasure“ bleiben ganz im einfach singenden Balladenton. Das dritte aber, „The Song Of The Blacksmith“, macht die dengelnden Hammerschläge des Schmiedes auf den Amboss geradezu körperlich erfahrbar. Es ist eine Freude, dem Chor dabei zuzuhören.
An die Rasanz knüpften die Pianistinnen Dickel und Kluge an mit vier Walzern aus Johannes Brahms’ op. 39 und dem allbekannten fünften „Ungarischen Tanz“. Zum Schluss vereinigten sich das Klavierduo und der Chor für eine Auswahl aus desselben Komponisten „Liebesliederwalzern“ op. 52. Die Walzergesänge verlangen rasche Ausdruckswechsel auf engem Raum. Cantus Solis führt sicher durch den Irrgarten der Gefühle – und klingt dabei wunderschön. Das Publikum bedankte sich mit überschwänglichem Applaus. Jens Wehn
 
[BNN, 16.10.2019; Abdruck mit Einverständnis des Autors]